Gasthof zum Bad

Die Geschichte des "Bads"

Dass es mit der Hygiene im 19. Jahrhundert nicht zum Besten bestellt war, darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. So gab es zum Beispiel in Berlin im Schloss des Kaisers kein Badezimmer; Kaiser Wilhelm musste sich, wenn er den Drang zu einem Bade verspürte, die Wanne aus dem Hotel Adlon bringen lassen. Auch in Freudenstadt war der Weg zur Sauberkeit in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein weiter; um dem Körper die Wohltat eines Bades zu vergönnen, war zuerst ein erheblicher Marsch ins Christophstal vonnöten, wo die alte, 1758 errichtete, Bergfaktorei, in der sich bis 1835 das Oberbergamt befand, im Jahr 1864 in eine Badeanstalt mit Vesperwirtschaft verwandelt wurde.

Der ehemalige Rosenwirt Jakob Wälde hatte das Gebäude vom Staat, der von 1840 – 1862 dort sein Forstamt unterhalten hatte, käuflich erworben und 1864 – nachdem er bereits eine Brauerei und eine Schnapsbrennerei betrieb – Antrag auf Konzession für eine „Speisewirtschaft“ gestellt: „ Für die Bevölkerung der Stadtgemeinschaft stellt sich meine Badegelegenheit, die Auffallenderweise bis jetzt noch nirgends hergerichtet ist, als ein offenbares Bedürfnis dar. Sind die Badeeinrichtungen getroffen, so ist es vorauszusehen, das solche starken Besuchs sich zu erfreuen haben werden, und es begründet alsdann der Gebrauch der Bäder von der Stadt aus ein Bedürfnis für das Bestehen einer Wirtschaft, indem wohl jeder, der bei Wälde im Christophstal ein Bad nimmt, das Bedürfnis haben wird, etwas zu genießen bevor er den Rückweg antritt.“ Unterdrücken wir die Frage, wo denn die Freudenstädter vor der Begründung der „Wäldeschen Badeanstalt“ gebadet haben – bewundern wir sogleich den Geschäftssinn und den – direkt modern anmutenden Werbetrick, mit dem Wälde sein Etablissement eingeführt hat.

Denn dass die Freudenstädter sich nun mit Eifer der Körperpflege unterzogen, dürfte außer Frage stehen. Das soll ja auch heute bei den „Saunisten“ nicht anders sein…. So machte man von jeher gerne aus der Not eine Tugend. Auch die Eheliebsten konnten es ihren sauberkeitsbeflissenen Ehemännern kaum verbieten, den weiten Weg ins Tal – eben nur der Sauberkeit wegen – unter die Füße zu nehmen. Sicherlich haben es sich die beherzteren unter den Damen nicht nehmen lassen, dabei ihre Ehemänner – auch um eine gute Heimkehr zu gewährleisten, zu begleiten. Ob damals schon das Baden zu zweit in der Wanne erlaubt war, ist allerdings nicht verbürgt. Die aufregende Tätigkeit des Badewirtschaftsbesitzers ist Wälde nicht gut bekommen; er starb schon fünf Jahre später im Jahre 1869. Die Wirtschaft wurde vom Bierbrauer Christian Frauz übernommen und dessen Nachkommen betreiben das Gasthaus noch heute. Obwohl die Badeanstalt nicht mehr besteht, gehen heute noch viele Freudenstädter „ins Tal na zom Frauz“. Ob sie dabei vor dem Vesper zu Hause baden, ist dem Chronisten nicht bekannt.

Quelle: Hertel, Gerhard: Freudenstadt, Bilder aus den Jahren 1850-1950 Geiger-Verlag, Horb am Neckar, 1983 S.142.